Suprafluides Helium‐3: Die Superflüssigkeit (Teil II)
D. Vollhardt
Abstract Die Atome des Edelgases Helium‐3 sind aufgrund ihres Kernspins I = 1/2 Fermionen (die Atomhülle trägt keinen Spin) und bilden daher in der flüssigen Phase ein Fermi‐System, das dem der Elektronenflüssigkeit in Metallen sehr ähnlich ist. Der von Bardeen, Cooper und Schrieffer 1957 entwickelte Formalismus zur Erklärung der Supraleitung in Metallen läßt sich deshalb auch auf das flüssige 3He anwenden. Er beruht darauf, daß sich in einem Fermi‐System Cooper‐Paare bilden können. Im Metall bestehen diese Paare aus zwei Elektronen mit entgegengesetztem Impuls und Spin, d. h. Gesamtspin S = 0, sowie relativem Bahndrehimpuls l = 0. Es sind deshalb — formal gesehen — Bosonen, so daß man Supraleitung als Bose‐Einstein‐Kondensation von Cooper‐Paaren auffassen kann. Im Gegensatz dazu bestehen die Cooper‐Paare in suprafluidem 3He aus Atomen (!), die wegen der starken Wechselwirkung untereinander nur Paare mit parallelem Spin (d. h. Gesamtspin S = 1) und relativem Bahndrehimpuls l = 1 bilden können. Sie haben damit ähnlich wie ein Molekül eine innere Struktur: Die Paarwellenfunktion ist anisotrop. Jedes Cooper‐Paar läßt sich daher durch je eine ausgezeichnete Richtung bzgl. der Spin‐und der Orbitalkomponenten charakterisieren. Erst 1971 gelang — unterhalb von 2,6 mK — der experimentelle Nachweis der theoretisch vorhergesagten Suprafluidität. Insgesamt gibt es drei verschiedene supraflüssige Phasen. Darunter zeichnet sich die sog. “A‐Phase” durch besonders anisotrope Eigenschaften aus: Die Vorzugsrichtungen des Spinanteils und des Bahnanteils, die mit und bezeichnet werden, sind nämlich in allen Cooper‐Paaren gleich. Ihre Richtungen haben daher wegen der Quantenkohärenz in der Supraflüssigkeit eine makroskopische Bedeutung. Sie bilden ähnlich wie in einem Flüssigkristall innere Richtungsfelder, die über das gesamte System ausgedehnt sind. — Während diese Grundlagen im I. Teil des Artikels, (Februar‐Heft, Seite 41) besprochen wurden, sollen nun die physikalisch meßbaren Konsequenzen diskutiert werden.
Physikalische Blätter•May 1, 1983•3 citations