Lettre
1. Einleitung
Jan Schaldach
Abstract
Den Sommer des Jahres 1970 verbrachte Michail Bachtin in der kleinstädtischen Abgeschiedenheit von Klimovsk.Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die früher unscheinbare Siedlung zu einem aufstrebenden, modernen Satellitenstädtchen Moskaus gewachsen.Und während junge Arbeiterfamilien an den beiden Klimovsker Bahnstationen in die Vorortzüge mit Fahrtrichtung Moskau stiegen, um eine reichliche Stunde später in das Leben der Hauptstadt einzutauchen, las der altgewordene Michail Bachtin in seiner kleinen Wohnung im Klimovsker Pflegeheim über die Quantentheorie und notierte sich in einem Arbeitsheft die Erkenntnis: "Die Position des Experimentierenden und Beobachtenden in der Quantentheorie.Das Vorhandensein dieser aktiven Position verändert die gesamte Situation und, folglich, die Ergebnisse des Experiments.Ein Ereignis, welches einen Beobachter hat, so weit entfernt, versteckt und passiv er auch sei, ist bereits ein vollkommen anderes Ereignis.(Siehe den ,geheimnisvollen Besucher' Zosimas)" 1 1 "Позиция экспериментирующего и наблюдающего в квантовой теории.Наличие этой активной позиции меняет всю ситуацию и, следовательно, результаты эксперимента.Событие, которое имеет наблюдателя, как бы он ни был далек, скрыт и пассивен, уже совершенно иное событие.(См.«таинственный посетитель» Зосимы.)"Bachtin 1979, S. 340, Übersetzung JS.In Klimovsk hatten Bachtin und seine Frau übergangsweise eine Wohnung in einem Pflegeheim bekommen, bevor Bachtin vom Schriftstellerverband eine eigene Wohnung in Moskau erhielt.Bei dem "geheimnisvollen Besucher" Zosimas handelt es sich um eine Binnenerzählung aus Dostoevskijs Die Brüder Karamasov.Dem späteren Mönch Zosima, der in deutschen Übersetzungen zumeist Starez Sossima genannt wird und die moralisch-religiöse Autorität in den Brüdern Karamasov verkörpert, vertraute in seiner Jugend ein gewisser Michail an, einen Mord begangen zu haben.Dieser Michail, ein angesehener, stadtbekannter Wohltäter, der als "geheimnisvoller Besucher" zu Zosima kam, hatte vierzehn Jahre zuvor aus Eifersucht seine damalige Geliebte umgebracht.Als Schuldiger wurde jedoch ihr kurz zuvor im Streit entlaufener, leibeigener Diener verurteilt.Zosima wurde durch dieses Geständnis zum einzigen "Beobachter" eines scheinbar nie vorgefallenen Verbrechens.Auch als Michail in tiefer Reue die Stadtgesellschaft über seinen Mord unterrichtete, wurde ihm sein Verbrechen nicht geglaubt und das Geständnis als eine geistige Verwirrung abgetan.Vgl.