AuszugWir betrachten Ja/Nein-Experimente, bei denen nur die Frage interessiert, ob ein bestimmter Effekt eintritt oder nicht. Beispiele dafür sind der Münzwurf (Frage: „Zahl“?), Geburtenstatistik (Frage: „Knabe“?) oder bei Observablen der Physik die Fragestellung „Wert im Intervall I“? Wir denken uns das Experiment unter gleichen Bedingungen beliebig oft wiederholbar, wobei das Ergebnis einer Einzelmessung nicht vorhersehbar ist. Der interessierende Effekt trete bei N-maliger Wiederholung кN-mal auf. Dann lehrt die Erfahrung, daß sich die
relativeHa¨ufigkeithN:=NkN für wachsendes N auf eine Zahl p ∈ [0,1] einpendelt (Gesetz der großen Zahl). Wir unterstellen im folgenden die Existenz einer solchen Erfolgswahrscheinlichkeit p; dabei stehen p = 1 bzw. p = 0 für die Extremfälle, daß der Effekt mit Sicherheit eintritt bzw. nicht eintritt.
Grete Hermann war eine Pionierin in der mathematischphysikalischen Grundlagenforschung. Mitte der 1930er-Jahre setzte sie sich intensiv mit Johann (John) von Neumanns Überlegungen zu verborgenen Variablen in der Quantenmechanik auseinander.G rete Hermann wurde am 2. März 1901 in Bremen geboren.Sie studierte Mathematik, Physik und Philosophie in Göttingen und Freiburg und promovierte 1925 bei der Mathematikerin Emmy Noether mit einer Dissertation zur "Frage der endlich vielen Schritte in der Theorie der Polynomideale".Nach ihrer Promotion arbeitete Grete Hermann als private Assistentin beim Philosophen Leonard Nelson, einem Freund und Kollegen David Hilberts.Nach Nelsons Tod 1927 veröffentlichte sie zusammen mit Minna Specht Nelsons Arbeiten und hielt Vorträge zu seinem Werk.Specht war eine führende Figur des Internationalen Sozialistischen Kampfbunds ISK, einer kleinen intellektuellen Elite aus Göttingen.Daher war es kein Zufall, dass Grete Hermann ihre beiden wichtigsten Aufsätze zur Philosophie der Quanten-mechanik in der von Nelson begründeten "Neuen Folge der Abhandlungen der Fries'schen Schule" publizierte.Die heute antiquiert klingenden Titel der Aufsätze -"Die naturphilo sophischen Grundlagen der Quantenmechanik" [1] und "Über die Grundlagen physikalischer Aussagen in den älteren und den modernen Theorien" [2] -behandeln zur damaligen Zeit hoch aktuelle Fragen nach dem revolutionären Charakter der Quantenphysik.Grete Hermann argumentierte in beiden Arbeiten, dass der Indeterminismus der Quantenmechanik zwar bedeute, dass sich die Ergebnisse einer Messung nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorausberechnen lassen.
Die Quantenmechanik ist nicht „philosophisch neutral“, da ihre innere mathematische Struktur zu empirischen Vorhersagen führt, die in beobachtbarer Art einigen einfachen und allgemeinen Erwartungen philosophischer Natur widersprechen. Dies führt fast selbstverständlich zur Frage nach der Bedeutung der Gesellschaft, Kultur und Philosophie bei der Entstehung einer neuen Theorie. Auch die Möglichkeit unterschiedlicher experimenteller Situationen ergibt sich, in denen verschiedene philosophische Standpunkte zu andersartigen Vorhersagen führen würden. Einige Physiker glauben sogar, daß diese Fragen mit parapsychologischen Problemen oder sogar mit mystischen Vorgängen zusammenhängen.